Regeln gegen anwaltliche Abmahnschreiben*

Stellen Sie sich vor, Sie schrieben 1000 Briefe und in jedem davon „wünschten” Sie sich vom Adressaten 450,- oder besser 862,- nein: 1200,- EUR!

Zugegeben, der Aufwand wäre zunächst enorm: 1000 Umschläge, dazu Briefbögen und nicht zuletzt 900,- EUR Portokosten. Doch heutzutage lässt sich viel am Computer machen: Textbausteine, Makroprogrammierung und Scans von Unterschriften. Und was, wenn schon ein einziger Adressat zahlen würde?

Klingt unseriös? – Nach Schätzungen der Verbraucherzentralen werden 60 – 70 Prozent aller anwaltlichen Abmahnscheiben „ernst genommen”. Es wird telefoniert, unterschrieben und auch gezahlt.

Was wäre, wenn Sie so einen Brief erhielten, doch dazu noch ein schlechtes Gewissen käme, weil sie Nutzer einer Tauschbörse waren, auf ihrer Homepage einen „kopierten” Kartenausschnitt verwendet oder bei eBay unbedarft Schallplatten, CDs oder DVDs verkauft haben?

Erste Regel: Keine Panik,

auch wenn sich viele Fragen auf einmal stellen:

Muss ich ein Schreiben ohne Vollmacht des vermeintlichen Aufftraggebers ernst nehmen? Kann der gemachte Vorwurf auch vor Gericht bewiesen werden? Wie kommen „die” eigentlich an meine Adresse? Ist die Höhe der geltend gemachten Gebühren in Ordnung? Was passiert, wenn ich unterschreibe und zahle? Was, wenn nicht? Macht eine modifizierte Unterlassungserklärung Sinn? Eine Bekannte hat mir erzählt, ihr Anwalt habe sich für sie außergerichtlich geeinigt – war das nötig?

Zweite Regel: Keine Panik,

rufen Sie nicht sofort bei den Abmahnenden an, schreiben Sie keine Gnadengesuche in E-Mail-Form und unterschreiben Sie auf keinen Fall blindlings die beigefügten Unterlassungserklärungen / Vergleichsangebote/ Einigungverträge. Glauben Sie, dass die „Gegenseite” von sich aus ein besonders günstiges Angebot macht – als Mitgift zur Abmahnung gar ein Geschenk überreicht?

Hoffentlich nicht, denn sehr häufig sind die Erklärungen viel zu weit gehend oder sie enthalten umfassende Zugeständnisse, auf die ohne Anerkennung gar kein Anspruch bestünde. Doch auch der Abgabe von „modifizierten” Erklärungen haften Nachteile an.

Dritte Regel: Nichts im Leben ist umsonst,

auch meine anwaltliche Beratung nicht. Doch ich lebe nicht davon, Sie einzuschüchtern oder Ihnen vorzugaukeln, Sie schuldeten mir – „beweissicher dokumentiert” – eine irdene Summe Euros.

Wenn Sie diesen Text aufmerksam lesen, können Sie bereits erkennen, welche Kritierien in aller Regel fallrelevant sind. Dass ich meinen Lebensunterhalt auch damit bestreite, Ihnen bei einem Erstgespräch die Problemfagen zu beantworten, werden Sie mir nicht übel nehmen.

* [gemeint ist das inzwischen ausufernde Phänomen von massenhaften Anschreiben von Rechtsanwälten im Bereich des Urheberrechts]